Je müder, desto kreisch…

fullsizerenderKinder funktionieren eigentlich von allein. Außer wenn sie müde sind. Im Grunde gibt es bei Dreijährigen nur wenige grundlegende Gemütskonfigurationen. Die wichtigsten sind:

  • Ich will spielen (rumtoben, puzzeln, kneten etc.).
  • Ich will essen.
  • Ich muss Pipi.
  • Ich muss Pipi und AA.

Das Gute ist: im Gegensatz zu den früheren Jahren muss man nicht mehr raten, wat Sache ist. Sie sagen es einfach frei heraus. Wenn Sohnemann also Pipi und AA muss, sagt er: „Papa, komm! Ich muss Pipi und AA.“ Das ist eine saubere Sache. Keinerlei Missverständnisse. Wenn das Bedürfnis befriedigt ist, kommt automatisch ein Neues.

Es gibt allerdings noch einen weiteren äußerst elementaren Aggregatszustand. Er lautet: Ich bin müde. Allerdings scheint es unter allen Dreijährigen der Welt eine Art geheime Absprache zu geben: Während es völlig OK ist, wenn man sagt, dass man Pipi und AA muss, scheint es irgendwie verboten zu sein, zuzugeben, dass man müde sei. Es scheint sogar nur unter großen Qualen möglich, das Wort überhaupt auszusprechen.

Von daher ist das schlafbringende Sandmännchen so etwas wie der Voldemort im Reich der Dreijährigen.

Wenn man also wissen will, ob das Kind müde ist, muss man sich auf andere Kennzeichen verlassen als jene, die über den verbalen Kanal kommen. Man kann natürlich auf die Augen achten, die irgendwann so glasig werden, dass man das Haus erst mal nach Drogen absuchen möchte. Es gibt allerdings noch ein deutlich valideres Kriterium, und das hat mit Dezibel zu tun – es liegt so im Bereich des Möglichen, dass es sich hierbei um ein Naturgesetzt handelt. Die mathematische Gleichung hierfür lautet:

Je müder, desto kreisch.

Wenn Kinder (richtig) müde werden, funktioniert einfach alles nicht mehr so richtig. Sie stoßen sich häufiger die Zehen beim Toben, weil sich aus dem nichts völlig neue Möbelstücke im Raum materialisieren. Sie wissen nicht mehr, was sie wollen. Sie haben einen dann nicht mehr lieb, und sind überhaupt mit der Gesamtsituation unzufrieden. Dies wiederum tun sie natürlich kund. Es wird gebrüllt und geschrien, gejault und gequietscht, gewütet und gezetert.

Der größte Fehler, den man als Erziehungsberechtigter nun machen kann, ist der Versuch, in irgendeiner Form rational zu argumentieren. Es gibt ab jetzt auf jedes Gesprächsangebot sowieso nur noch eine einzige Antwort. Sie lautet: nein. Also so wie in: Na-hein! „Mika, ich denke, es wird Zeit für dich, ins Bett zu gehen.“ „Na-hein!“ „OK, noch fünf Minuten. Aber pass wenigstens auf, dass du dir nicht nochmal den Kopf stößt.“ „Na-hein!“ „Möchtest Du ein Eis?“ „Na-heeeeeeeeiiiin!!!“

An diesem Punkt gibt es eigentlich nur noch eines: Kind schnappen, auf den Arm nehmen, über den Kopf streicheln, den ohrenbetäubenden Lärme aushalten – und warten, bis dieser vergeht. Meist versiegt er nach etwa 20 – 30 Sekunden. Wenn die Augen dann schon halb zugehen wollen, heißt es: Schnell sein! Zähne putzen, den Schlafanzug an und ab ins Bett – bevor der Nachwuchs ganz eingeschlafen ist. Ein eventuelles Aufwachen zieht nämlich in der Regel eine weitere Phon-Attacke nach sich.

Und dann: Am besten danebenlegen. Stille genießen. So lange es geht…

„Du musst das Glas gerade halten. Nein, gerade. Ja. Nein. Schatz, bringst Du mal einen Lappen?“

Wenn ich die Boulevard-Presse richtig deute, hat der Comedian Atze Schröder im richtigen Leben keine Kinder. Hätte er welche, würde er vermutlich einen seiner berühmtesten Sketche aus Mitleid aus dem Programm nehmen. Es gibt da diese Nummer, wo er eine Mutter aufs Korn nimmt, die mit viel Geduld, aber wenig Durchsetzungskraft versucht, ihren Sohnemann vom Spielplatz weg und nachhause zu bewegen:

Cedric, die Mama geht nachhause. Cedric, die Mama geht nachhause. Cedric, die Mama ist weg. Die kommt auch nicht mehr wieder…

Wenn man allerdings von roher Gewalt als Erziehungsmethode absieht, ist das eine Forms des „Dialogs“, den man als Elternteil eines Dreijährigen sehr regelmäßig zu führen hat. Es ist wirklich bewundernswert, wie gut so ein Dreikäsehoch in der Trotzphase nicht zuhören kann. Dagegen sind die Politiker, die sich regelmäßig bei Maischberger nicht zuhören, so aufmerksam wie ein klientenzentrierter Therapeut.

Es ist ein bisschen peinlich und hochgradig unwürdig, wie häufig man als Elternteil das Wörtchen „Nein“ benutzen muss. Da hat man die besten Vorsätze der Welt, will zugewandt und bejahend, fördernd und bestärkend sein – und urplötzlich ist man hauptberuflich damit beschäftigt, den Nachwuchs davon abzuhalten, sich siebzehn Mal pro Tag auf unglaublich kreative Weise das junge Leben zu nehmen, so als könne er es einfach nicht abwarten, den Darwin Award* zu gewinnen.

Es gibt allerdings noch viele weitere Formen des Gesprächs, die man gefühlte dreihundert Mal durchhaben muss, bis die Krümel die darin enthaltenen liebevollen Botschaften ausreichend verinnerlicht haben:

Du musst das Glas gerade halten, Mika. So. Nein, gerade. Ja. Nein. Schatz, bringst Du mal einen Lappen? Nein, Mika, nimm bitte beide Hände. Beeiiide! Schatz, bring am besten die ganze Küchenrolle…

Krümel, ich versteh ja, dass du jetzt gerade eine Eisenbahn bist und nur geradeaus gehen kannst. Aber du kannst doch nicht einfach die ganzen Leute hier im Einkaufscenter umrennen. Na-hein, kannst du nicht. Wieso nicht? Na, das ist unhöflich. Du möchtest ja auch nicht umgerannt werden. Möchtest du doch? Ja ne, is klar. Anhalten. Anhaaaalten. Stopp! Nein, der Mann ist nicht gemein, er ist einfach nur weitergegangen. Ja klar kann ich pusten…

Vorsicht, die Nudeln sind noch heiß. Ja, richtig heiß. Alles gut, das tut gleich nicht mehr weh. Hier, trink schnell was. Ich hab´ dir doch gesagt, dass das wehtut. Nein! Du musst warten und am besten ein bisschen pusten. Nein, noch mehr. Haha, ja das sieht lustig aus, die Tomatensauce bei Papa im Gesicht. Ich meinte länger pusten, nicht fester. Was? Ja, die anderen Nudeln sind auch heiß…

Lieber Atze, ich leih Dir Sohnemann gerne für einen Tag. Und dann sprechen wir nochmal.


*Das ist ein Award, der jährlich posthum an Menschen vergeben wird, die sich auf besonders unwahrscheinliche oder dumme Weise unabsichtlich umgebracht haben.

Man muss auch teilen können…

sushiSohnemann ist gottseidank nicht sehr wählerisch in puncto Essen. Somit hat er auch früh im Leben eine Vorliebe für Sushi entdeckt. Leider gibt es in unserer Heimatstadt kein Sushi-Restaurant, so dass wir uns in der Regel mit dem Angebot bei „Nordsee“ zufriedengeben müssen. Aber besser als nichts. Meist gehen wir samstagmittags dorthin, nach dem Besuch des Wochenmarktes.

Ich verfalle immer wieder in ehrfürchtiges Staunen, wenn ich erfahren darf, wie ausgeprägt Mikas Gerechtigkeitssinn ist, schon jetzt, da er noch so jung ist. Er hat absolut kein Problem damit, das Essen zu teilen. Wir machen immer 50:50 Er bekommt der Fisch, ich den Reis…

 

Spielen, ohne die Regeln zu kennen

Mika_20Seit Neustem bin ich regelmäßig ein Flugzeug. Und eine Eisenbahn. Außerdem eine Schranke und ein Pinguin. Nicht, dass Sohnemann nicht auch gerne mit Spielzeugautos und ähnlichen Dingen spielt – aber am liebsten ist ihm gegenwärtig doch das imaginäre Spiel.

Seitdem das so ist, kann ich kaum mehr normal durch die Fußgängerzone unserer Stadt gehen. 90% der Zeit bin ich eine Dampflok. Stampfe vorwärts, die Arme angewinkelt und mache schscht…schscht…schscht. Hunderte Meter am Stück. An die verwunderten Blicke der Passanten habe ich mich gewöhnt, manche lächeln auch – aber naturgemäß erst, nachdem sie erkannt haben, dass ich ein Kind in Schlepptau habe. Die Leute, die das nicht kapieren, lächeln vermutlich mitleidig und fragen sich, ob sie die Männer mit den Hab-mich-lieb-Jacken rufen sollten.

Alles kein Problem. Etwas schwieriger finde ich, dass ich notgedrungen dauernd Spiele spiele, deren Regeln ich nicht kenne, weil sie, sofern es überhaupt welche gibt, von Sohnemann jeweils im Moment erfunden werden. Seit ein paar Tagen bin ich beispielweise regelmäßig ein Pinguin, der gefüttert werden muss – von einem Tiger. Allerdings mag dieser Pinguin nur Lachs, aber auf keinen Fall Thunfisch. Tiger-Sohnemann schmeißt mir also fleißig imaginäre Fischhäppchen zu und ich muss dann spontan entscheiden, ob es Thunfisch oder doch Lachs war. Wenn es Lachs war, habe ich mir zufrieden über den Bauch zu streicheln, wenn der Tiger aber Thunfisch dazwischen geschmuggelt hat, habe ich angewidert mit dem Kopf zu schütteln. In jenem Fall lacht er sich scheckig, weil Tiger-Mika den Pinguin-Papa ausgetrickst hat – schon wieder.

Ich habe vor ein paar Jahren mal einige Seminare im Bereich Improvisationstheater absolviert. Diese Erfahrung hilft mir ungemein mit diesem Teil des Umgangs mit Sohnemann. Für Impro-Schauspieler gelten ein paar übergreifende Regeln, die sich über die Jahre als sehr nützlich herausgestellt haben, wenn man ein Stück aufführen soll, was erst gerade im Moment, ohne Skript, entsteht:

Ein Leitgedanke lautet beispielsweise: Scheitern ist sexy! Das heißt, wer etwas verbockt, sich verhaspelt, aus der Rolle fällt, der bekommt von seinen Mitspielern und dem Publikum bisweilen einen tosenden Applaus. Alleine für diese Erfahrung sollte jeder Mensch aus meiner Sicht einmal einen solchen Kurs absolviert haben. Wer das deutsche Bildungssystem mit 13 Jahren Schule, fünf Jahren Studium und vier Jahren Promotion durchlaufen hat (wie in meinem Fall) – und daher arg darauf getrimmt ist, möglichst immer alles richtig zu machen – dem tut es sichtlich gut, „Liebe“ zu erhalten, gerade weil etwas nicht geklappt hat. Zusätzlich glaube ich, dass es eine tolle Übung ist für den Umgang mit kleinen Kindern. Mir jedenfalls kommt Erziehung an vielen Tage wie ein liebevolles „sich nach vorne Scheitern“ vor.

Eine weitere Impro-Regel lautet: Sag immer ja, nimm die Angebote an, die dir gegeben werden! Wenn zwei oder mehr Menschen eine Szene aufführen, ohne ein gemeinsames Skript zu haben, dann ist es notwendig, dass am Anfang jemand definiert, „wat Sache“ ist. Einer der Spieler muss also durch einen Eröffnungssequenz definieren, wo die Szene spielt, wer welche Rolle hat oder auch wie die verschiedenen Protagonisten zueinander stehen. Ohne diese Ausrichtung würden mit großer Wahrscheinlichkeit alle nebeneinanderher spielen, weil jeder „in seinem Film unterwegs“ wäre. Da Schlimmste, was ein weiterer Spieler an dieser Stelle machen kann, ist nein zu sagen und das Angebot umzudeuten („Nein, ich bin kein x, sondern ein y…“). Die Dynamik der gerade erst angelaufenen Szene wäre in dem Moment dahin, alle müssten bei null anfangen. Auch dieser Gedanke hilft mir sehr beim Umgang mit meinem Sohn. Wir beginnen zu spielen, er bestimmt die Regeln, teilt sie mir aber nicht (explizit) mit. Vor diesem Hintergrund habe ich es mir auch hier zur Gewohnheit gemacht, möglichst immer ja zu sagen – selbst, wenn ich damit vor anderen Menschen zum Affen mache.

Es gibt noch eine gute Handvoll weiterer Impro-Regeln, doch ich möchte an dieser Stelle nur noch auf eine eingehen, weil sie besonders kontraintuitiv anmutet: Sei langweilig (bzw. durchschnittlich)! Wenn Menschen zum ersten Mal einen Impro-Kurs machen, haben viele das Bedürfnis, besonders komisch sein zu wollen. Sie erfinden abstruse Szenenwechsel, außergewöhnliche Antworten auf gewöhnliche Fragen und überzeichnen ihre Rolle ganz allgemein in puncto Sprache und Verhalten. Den meisten Neulingen wird allerdings schnell das Folgende klar: Zum einen ist es sehr anstrengend, die ganze Zeit außergewöhnlich sein zu wollen (zumindest deutlich anstrengender, als normal zu sein); und zum anderen ist ein solcher Habitus zumeist auch spürbar weniger unterhaltsam, weil die Mitspieler wie auch die Zuschauer nur schwer folgen können. Die Komik des Impro entwickelt sich zum typischerweise aus ganz alltäglichen Szenen, simplen Gesten, kleinen Schrulligkeiten. Das Kleine ist das Komische – nicht das Laute. Wem der Vergleich helfen mag: Denken Sie an die Stücke Loriots, die meist nur aus etwas abseitigen Alltagsbeobachtungen bestehen – im Vergleich zu den lauten, überzeichneten Geschichten eines Mario Barth. Auch dieser Leitgedanke entspannt mich ganz wunderbar während des Spiels mit meinem Sohn. Ich muss mir keine spannenden Geschichten ausdenken. Es reicht völlig, wenn ich ein Lachs liebender, sprechender Pinguin bin, gerne auch mal 14 Tage am Stück. Dann lacht er sich scheckig über Papa.

Herz, was begehrst du mehr…

Einhundert Prozent Zorn

Mika_EisSohnemann wütet! Hat ein paar Kullertränen in den Augen und ruft, gerade so laut, dass es auch meine Frau im Nebenzimmer verstehen kann: „Ich hab dich nicht mehr lieb. Und ich bin auch nicht mehr dein Freund!“ Nun, da Sohnemann über drei ist, sagt er diesen Satz manchmal mit einem schelmischen Grinsen. Er spielt dann mit mir, übt sich im Schauspiel.

Doch jetzt ist keiner von diesen Momenten. In diesem Augenblick meint er es bitter ernst. Wenn auch nur für wenige Minuten, bis der Rauch verflogen ist. Ich habe eben mit Nachdruck bekannt gegeben, dass es heute kein Eis mehr zum Nachtisch gibt, weil er das Essen, was meine Frau gekocht hatte, kaum angerührt hat. Wir haben das vorher so angekündigt – und ziehen das dann auch durch. Leider hat unsere vorausgegangene Warnung ihn recht wenig beeindruckt. Jetzt kreischt Sohnemann die ganze Bude zusammen, schmeißt sich auf den Boden, schimpft wie ein Rohrspatz.

Wenn es normal läuft im Leben, wird man ab und an mit der vollen Bandbreite und Intensität menschlicher Emotionen konfrontiert, im Geben wie im Nehmen. Ich wünsche zumindest jedem Menschen, dass er einmal hundert Prozent Liebe erleben darf, in beiden Richtungen. Und auch hundert Prozent Traurigkeit erscheint mit durchaus empfehlenswert, bedeutet es doch, dass man zuvor ebenso stark geliebt hat.

Vater zu sein, hat jedoch eine neue Erfahrung in mein Leben gebracht. Kleinkinder haben noch nicht die Fähigkeit, ihre Gefühle zu regulieren oder zu kanalisieren. Von ihnen bekommt man immer hundert Prozent Emotion. Liebe. Lachen. Leiden. Aber eben auch die volle Dröhnung Zorn und Wut. Hier muss ich gestehen: Das kannte ich so nicht – und musste auch erst lernen, damit umzugehen.

Im normalen Leben passiert das einfach so gut wie nie. Wut ist in der westlichen Welt zu sehr geächtet, als dass man ihr bei Erwachsenen in der freien Wildbahn begegnen könnte. Wer wütet, außer sich ist, hat die Kontrolle verloren, sich von den Gefühlen übermannen lassen. Das gilt tendenziell als unsexy. Sohnemann wiederum ist das ziemlich schnurz. Er wütet, was die Wut hergibt, lässt sich weder durch Worte, noch durch Taten besänftigen. Was tun, sprach Zeus?

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich weiß es auch noch nicht. Manchmal frage ich Mika, warum er so wütend ist. Zuweilen unterbricht er dann seine Tirade und sagt – vermutlich vollkommen der Wahrheit entsprechend: „Ich weiß auch nicht“. Gelegentlich ist es dann gut, häufig genug wird aber auch weiter gewütet. Er will dann meist auch niemanden in seiner Nähe haben. Ich versuche, das bestmöglich zu respektieren. Das ist zuhause natürlich leichter, als wenn man in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Am Ende des Tages kann man eigentlich nur warten, bis der Sturm sich gelegt hat.

An dieser Stelle kann man in der freien Wildbahn denn auch ganz klar die (jungen) Eltern von den Menschen ohne eigenen Nachwuchs unterscheiden. Letztere gucken des Öfteren genervt, scheinen zu sagen: „Nun krieg doch endlich mal dein Kind in den Griff!“ Die Eltern lächeln meist nur milde und ein wenig konspirativ. „Das hatten wir heute auch schon dreimal“, steht dann in ihren Blicken geschrieben…

Unser Sohn ist ein Arschloch!

Mika_FeuerDiesen Satz habe ich gerade zu meiner Frau gesagt. Und die hat verständnisvoll genickt. Um der Wahrheit zur Ehre zu gereichen; ich sagte: „Unser Sohn ist heute ein Arschloch.“ Es ist mir nicht einfach so rausgerutscht. Ich habe es so gemeint. Und denke nicht, dass das sonderlich gemein war.

Es gibt Tage, an denen verhalten sich Dreijährige wie ausgewachsene Psychopathen, das ist einfach so. Vermutlich, weil in der Nacht irgendwelche Synapsen entknotet und noch nicht wieder korrekt verdrahtet wurden. Mal schauen, wie ich Sohnemann dann während der Pubertät titulieren werde.

Wie ich darauf komme, dass mein Sohn heute ein Arschloch ist? Nun, es gibt tatsächlich wissenschaftliche Abhandlungen zu diesem Thema. Der amerikanische Philosoph Aaron James hat diesem diffizilen Sujet gar ein ganzes Buch gewidmet („Arschlöcher – eine Theorie“). In diesem liefert er auch eine ziemlich trennscharfe Beschreibung eines charakterlichen Arschlochs, um jene Gattung Mensch von Übeltätern leichterer und schwererer Natur abzugrenzen:

Ein Mensch gehört zur Gattung Arschloch, wenn, und nur wenn, er sich in Beziehungen zu anderen Menschen systematisch Freiheiten herausnimmt, die einem tief verwurzelten Anspruchsdenken entspringen, das ihn für die Einwände anderer unempfänglich macht. […] Ein Arschloch ist zum Beispiel jemand, der sich regelmäßig vordrängelt. Oder andere ständig unterbricht. Oder ständig die Spur wechselt. Oder andauernd auf die Fehler anderer hinweist. Jemand, der superempfindlich auf jede Kränkung reagiert, für die eigenen Grobheiten anderen gegenüber aber blind ist.

Also wenn Sie mich fragen, spricht der gute Mann da über meinen Sohn. Natürlich benimmt er sich nicht an allen Tagen so, aber es kommt eben regelmäßig vor.

Ich erinnere mich an meine Jugendzeit, konkret: an ein Interview in der Bravo mit Sebastian Bach, dem Sänger einer kurzzeitig sehr angesagt Hair-Metal Band namens Skid Row. Obwohl er täglich geschätzte acht Stunden mit Haare föhnen beschäftigt war, wirkte er gleichzeitig sehr darauf erpicht, als böser Bube wahrgenommen zu werden – ein bisschen so wie Sido bis vor ein paar Jahren, nur eben mit viel mehr Haaren.

In dem Interview sagte er sinngemäß (ich kriege es nicht mehr ganz auf die Kette, aber die wichtigen Fragmente sind tatsächlich Wortlaut): „Ich bin ein fieser Typ. Ich bin der, der bei dir zuhause reinkommt, auf den Teppich kotzt und deinen Hund anpinkelt.“ Ich glaube kaum, dass Sohnemann dieses Interview kennt. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, er steht ab und morgens auf und beschließt: „Heute bin ich Sebastian Bach!“

An solchen Tagen leidet er an Taubheit im Endstadium (allerdings nur, wenn um Anweisungen der Eltern geht), lässt den sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen im Vergleich wie einen Schweizer Uhrmacher aussehen und schreit wegen jeder noch so kleinen Kleinigkeit rum, als hätte man gerade vor seinen Augen sein Lieblingsstofftier geschreddert und anschließend verbrannt.

An dieser Stelle muss ich dann auch mal mit einem Vorurteil aufräumen. Es heißt manchmal, kleine Kindern könnten noch nicht zwischen Recht und Unrecht unterscheiden. Am Arsch! Das halte für kolossal falsch. Zumindest bezogen auf ihre kleine Welt erscheint es mir so, als wüssten sie ganz genau, „wat Sache“ ist. Ich sehe das an diesem etwas unterdrückten, aber doch klar erkennbaren diabolischen Grinsen, welches Mikas Gesicht an solchen Tagen ziert, wenn er auch die siebte Aufforderung, nun endlich seinen Schlafanzug anzuziehen, genüsslich missachtet. Jaja, ich weiß: Grenzen testen und so. Muss sein, gehört dazu. Versteh ich. Aber, alter Vatter, manchmal könnte ich ihn auf den Mond schießen.

Ich habe mir über die Zeit diese „bis drei zählen“-Nummer angewöhnt. Komme mir ein bisschen albern dabei vor, aber es wirkt als Ultima Ratio. Irgendwie hat Sohnemann gelernt: Wenn Papa das macht, ist der Spaß vorbei.

Ich fürchte mich allerdings vor dem Tag, an dem er mich fragen wird:

„Papa, was genau passiert eigentlich bei drei?“

Nachtrag

Nachdem das Stück bei Eltern.de auf Facebook geteilt wurde, haben sich manche Leser über meine Wortwahl echauffiert. Ich kann das einerseits nachvollziehen, denke aber auch, dass das in bestimmten Momenten einfach dem entspricht, was viele Menschen im Kopf haben. Wir sind alle keine Heiligen und ein bisschen fluchen zur rechten Zeit ist vermutlich sogar ganz hilfreich für die eigene Psychohyhiene. Dampf ablassen und dann es ist es auch wieder gut.

Darüber hinaus: Ich würde mein Kind niemals direkt so nennen – und ich denke auch nichtnichten, dass mein Kind ein A. ist. Doch ich fand die wissenschaftliche Definition, die ich im Text zitiere, einfach sehr treffend. Anders gesagt: Würde ein Erwachsener sich so verhalten, wie es die meisten Dreijährigen an vielen Tagen tun, dann hätte er/sie sich den Titel redlich verdient. Und trotzdem lieben wir sie über alles. Das ist das Wunder…

Digital dement im Kindergarten?

Ginge es nach dem Hirnforscher Manfred Spitzer, so müsste Sohnemann mittlerweile grenzdebil sein. Er spielt nämlich seit rund zwei Jahren regelmäßig mit Mamas und Papas Smartphone. Professor Spitzer möchte am liebsten alles Digitale von Kinderhänden fernhalten, weil der Gebrauch von Handys und Tablets sie dick und doof mache.

In den Augen des Psychiaters ist Mika prädestiniert für ein Leben als Schwachmat, Online-Junkie und bildungsferner Prolet ohne jegliche Zukunftsaussichten. Klingt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ein ähnlich düsteres Bild zeichnet der mehrfach promovierte Sachbuchautor in seinem Werk „Digitale Demenz“.

Ich halte das übrigens für riesengroßen Quatsch – und bin beileibe nicht alleine mit dieser Einschätzung. Die Zeitschrift „Gehirn & Geist“ kommt im Herbst 2015 in einem Übersichtsartikel zu dem Thema zu folgendem Schluss:

Weder ist belegt, dass die Nutzung digitaler Medien einsam macht, noch dass sie Strukturen im Gehirn schädigt.

Auch führende Leitmedien wie die Süddeutsche kommen in ihren Buchbesprechungen zu dem Schluss, dass das Buch einseitig und populistisch argumentiere.

Selbstverständlich würde es sich wohl nachteilig auswirken, wenn ein Kind oder Teenager den größten Teil der wachen Zeit mit entsprechenden Geräten verbringt – aber ich verstehe beileibe nicht, was eine Viertelstunde digitales Spielen am Tag für einen Schaden anrichten sollte. Wohlgemerkt: Wir spielen ja trotzdem mit Lego und der Eisenbahn, gehen in den Zoo, jagen uns gegenseitig durch die Bude und hüpfen auf dem Trampolin, bis der Arzt kommt.

Schon Paracelsus bemerkte: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Hier in Westfalen sagt man: „Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt´s an der Badehose.“ Und der Amerikaner weiß: “A Fool with a Tool is still a Fool” (Ein Narr mit einem Werkzeug ist immer noch ein Narr). Digitale Medien sind ein Werkzeug. Ob sie schaden oder nützen, liegt vorrangig am Nutzer, nicht am Ding an sich.

Es gibt zum Beispiel wunderschöne Handyspiele auf der Basis von Lego Duplo, meine Frau hat davon einige auf ihrem Handy. Ich persönlich bin auch ein großer Fan der Apps aus der Berliner Kinderspieleschmiede Fox & Sheep. Mika kann dort Bauarbeiter sein, einen Bauernhof bewirtschaften, oder Lieder nachsingen und sich selbst dabei aufnehmen. Während er das tut, schult er seine Augen-Hand-Koordination, seine Konzentration, die Merkfähigkeit und lernt etwas über physikalische Zusammenhänge – oder eben einfach singen. Wie das unserem Sohnemann schaden soll, bleibt mir schleierhaft.

Am meisten Playtime bekommt er übrigens, wenn wir ins Restaurant gehen. Es ist ein echter Segen, dass Mika sich zwischendurch einfach mal 15 Minuten still mit sich selbst beschäftigen kann, ohne das ganze Restaurant auseinanderzunehmen. Früher hätten die Kellner vielleicht ein Malbuch gebracht, doch auch dafür gibt es Apps auf dem Handy. Wir leben im Internetzeitalter – und so uns nicht der Strom ausgeht, wird das auch nicht mehr weggehen.

Von daher werde ich darauf hinwirken, dass mein Nachwuchs digital potent anstatt digitaler Analphabet wird.