Wenn man sich von innen und auswendig kennt

Nico_Mika_GeburtBei einem Kaiserschnitt sitzt man(n) im Operationssaal hinter einem großen grünen Tuch. Der Kopf der Frau guckt raus, als weitere bleibt dem Blick verborgen. Auf der anderen Seite wuselt eine gute Handvoll Menschen vergleichsweise hektisch herum, je nach Krankenkasse Chefärzte, Oberärzte, Ärzte, Assistenzärzte, angehende Ärzte und natürlich die Hebamme sowie einige OP-Schwestern. So war das auch bei uns.

Wenn das Baby dann aus dem Bauch geholt wird, darf man als Mann offenbar aufstehen. Hier kommen nun die Faktoren Timing und Körpergröße ins Spiel. Ist man etwas zu groß (so dass man über die grüne Absperrung schauen kann) und etwas zu früh dran (so dass die Bauchdecke noch geöffnet ist), hat man das unerwartete Vergnügen, seine Frau von innen zu sehen – ein nicht ganz alltäglicher Anblick, sofern man nicht gerade Chirurg ist.

Da man in so einem Moment voller Adrenalin ist, kann ich für die Echtheit meiner Erinnerungen nicht garantieren, aber ich habe mal eine Fernsehdoku gesehen, in welcher gezeigt wurde, wie Gyrosspieße hergestellt werden. In meinem Gehirn sind sich beide Eindrücke ziemlich deckungsgleich abgespeichert.

Ziemlich simultan zu seinem ersten Frischluftatemzug produzierte mein Sohn, gemäß seiner extrovertierten Natur, auch gleich den ersten Frischluftstuhlgang. Derart drückte er sein später gemessenes Geburtsgewicht unter die Vier-Kilo-Marke. Das Geschoss wurde dankenswerterweise noch im Flug von einem der fleißigen Helferlein abgefangen, bevor es dort einschlagen konnte, wo er die letzten neun Monate gewohnt hatte.

Im nächsten Schritt muss die Frau ja wieder zusammengeflickt werden, was für den Vater den Vorteil bietet, die ersten Lebensminuten des Kindes ganz für sich zu haben. Ich ging also mit unserer Hebamme und dem bereits abgenabelten Sohnemann in den Kreißsaal nebenan. Wir säuberten und wogen ihn gemeinsam. Anschließend durfte ich für ein gefaktes Foto nochmal jenen Rest Nabelschnur durchtrennen, welches das OP-Team geistesgegenwärtig am Körper belassen hatte. Und dann lag er da – so wunderschön.

Wat nu? In einer solchen Ausnahmesituation ist es super-hilfreich, wenn man jemanden dabei hat, der sich auskennt. Unsere Hebamme war eine – in jeder Himmelsrichtung – große Frau. Außerdem strahlte sich eine gewisse Dominanz aus, was angesichts der Lage schwer hilfreich war. Die folgenden Sekunden sind in meinem Gedächtnis verewigt, wie jene Szene aus dem ersten Teil von Herr der Ringe, in der Bilbo Beutlin den Ring nicht an Gandalf rausrücken will. Die Hebamme ist also auf einmal vier Meter hoch, füllt den ganzen Raum aus und ruft unter Begleitung von Donnergrollen:

„DUUUUUUUUUU!“
„Ja?!
„ZIEH DEIN T-SHIRT AUS!“
Ich ziehe mein T-Shirt aus.
„LEG DICH IN DEN SESSEL DA!“
Ich lege mich in einen abgeschrägten Stillsessel.

Dann nahm die Hebamme meinen Sohn, legt ihn mir vorsichtig auf die Brust, anschließend eine warme Decke über uns beide und sagte: „Einfach liegenbleiben. Nichts tun, nur atmen…“ Schließlich ging sie wieder in den OP, um sich meiner Frau zu widmen.

Ich weiß nicht, ob wir dann fünf Minuten, fünf Stunden, oder fünf Tage so dort lagen, aber ich weiß jetzt, wie sich Unvergänglichkeit anfühlt.

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