Je müder, desto kreisch…

fullsizerenderKinder funktionieren eigentlich von allein. Außer wenn sie müde sind. Im Grunde gibt es bei Dreijährigen nur wenige grundlegende Gemütskonfigurationen. Die wichtigsten sind:

  • Ich will spielen (rumtoben, puzzeln, kneten etc.).
  • Ich will essen.
  • Ich muss Pipi.
  • Ich muss Pipi und AA.

Das Gute ist: im Gegensatz zu den früheren Jahren muss man nicht mehr raten, wat Sache ist. Sie sagen es einfach frei heraus. Wenn Sohnemann also Pipi und AA muss, sagt er: „Papa, komm! Ich muss Pipi und AA.“ Das ist eine saubere Sache. Keinerlei Missverständnisse. Wenn das Bedürfnis befriedigt ist, kommt automatisch ein Neues.

Es gibt allerdings noch einen weiteren äußerst elementaren Aggregatszustand. Er lautet: Ich bin müde. Allerdings scheint es unter allen Dreijährigen der Welt eine Art geheime Absprache zu geben: Während es völlig OK ist, wenn man sagt, dass man Pipi und AA muss, scheint es irgendwie verboten zu sein, zuzugeben, dass man müde sei. Es scheint sogar nur unter großen Qualen möglich, das Wort überhaupt auszusprechen.

Von daher ist das schlafbringende Sandmännchen so etwas wie der Voldemort im Reich der Dreijährigen.

Wenn man also wissen will, ob das Kind müde ist, muss man sich auf andere Kennzeichen verlassen als jene, die über den verbalen Kanal kommen. Man kann natürlich auf die Augen achten, die irgendwann so glasig werden, dass man das Haus erst mal nach Drogen absuchen möchte. Es gibt allerdings noch ein deutlich valideres Kriterium, und das hat mit Dezibel zu tun – es liegt so im Bereich des Möglichen, dass es sich hierbei um ein Naturgesetzt handelt. Die mathematische Gleichung hierfür lautet:

Je müder, desto kreisch.

Wenn Kinder (richtig) müde werden, funktioniert einfach alles nicht mehr so richtig. Sie stoßen sich häufiger die Zehen beim Toben, weil sich aus dem nichts völlig neue Möbelstücke im Raum materialisieren. Sie wissen nicht mehr, was sie wollen. Sie haben einen dann nicht mehr lieb, und sind überhaupt mit der Gesamtsituation unzufrieden. Dies wiederum tun sie natürlich kund. Es wird gebrüllt und geschrien, gejault und gequietscht, gewütet und gezetert.

Der größte Fehler, den man als Erziehungsberechtigter nun machen kann, ist der Versuch, in irgendeiner Form rational zu argumentieren. Es gibt ab jetzt auf jedes Gesprächsangebot sowieso nur noch eine einzige Antwort. Sie lautet: nein. Also so wie in: Na-hein! „Mika, ich denke, es wird Zeit für dich, ins Bett zu gehen.“ „Na-hein!“ „OK, noch fünf Minuten. Aber pass wenigstens auf, dass du dir nicht nochmal den Kopf stößt.“ „Na-hein!“ „Möchtest Du ein Eis?“ „Na-heeeeeeeeiiiin!!!“

An diesem Punkt gibt es eigentlich nur noch eines: Kind schnappen, auf den Arm nehmen, über den Kopf streicheln, den ohrenbetäubenden Lärme aushalten – und warten, bis dieser vergeht. Meist versiegt er nach etwa 20 – 30 Sekunden. Wenn die Augen dann schon halb zugehen wollen, heißt es: Schnell sein! Zähne putzen, den Schlafanzug an und ab ins Bett – bevor der Nachwuchs ganz eingeschlafen ist. Ein eventuelles Aufwachen zieht nämlich in der Regel eine weitere Phon-Attacke nach sich.

Und dann: Am besten danebenlegen. Stille genießen. So lange es geht…

Einhundert Prozent Zorn

Mika_EisSohnemann wütet! Hat ein paar Kullertränen in den Augen und ruft, gerade so laut, dass es auch meine Frau im Nebenzimmer verstehen kann: „Ich hab dich nicht mehr lieb. Und ich bin auch nicht mehr dein Freund!“ Nun, da Sohnemann über drei ist, sagt er diesen Satz manchmal mit einem schelmischen Grinsen. Er spielt dann mit mir, übt sich im Schauspiel.

Doch jetzt ist keiner von diesen Momenten. In diesem Augenblick meint er es bitter ernst. Wenn auch nur für wenige Minuten, bis der Rauch verflogen ist. Ich habe eben mit Nachdruck bekannt gegeben, dass es heute kein Eis mehr zum Nachtisch gibt, weil er das Essen, was meine Frau gekocht hatte, kaum angerührt hat. Wir haben das vorher so angekündigt – und ziehen das dann auch durch. Leider hat unsere vorausgegangene Warnung ihn recht wenig beeindruckt. Jetzt kreischt Sohnemann die ganze Bude zusammen, schmeißt sich auf den Boden, schimpft wie ein Rohrspatz.

Wenn es normal läuft im Leben, wird man ab und an mit der vollen Bandbreite und Intensität menschlicher Emotionen konfrontiert, im Geben wie im Nehmen. Ich wünsche zumindest jedem Menschen, dass er einmal hundert Prozent Liebe erleben darf, in beiden Richtungen. Und auch hundert Prozent Traurigkeit erscheint mit durchaus empfehlenswert, bedeutet es doch, dass man zuvor ebenso stark geliebt hat.

Vater zu sein, hat jedoch eine neue Erfahrung in mein Leben gebracht. Kleinkinder haben noch nicht die Fähigkeit, ihre Gefühle zu regulieren oder zu kanalisieren. Von ihnen bekommt man immer hundert Prozent Emotion. Liebe. Lachen. Leiden. Aber eben auch die volle Dröhnung Zorn und Wut. Hier muss ich gestehen: Das kannte ich so nicht – und musste auch erst lernen, damit umzugehen.

Im normalen Leben passiert das einfach so gut wie nie. Wut ist in der westlichen Welt zu sehr geächtet, als dass man ihr bei Erwachsenen in der freien Wildbahn begegnen könnte. Wer wütet, außer sich ist, hat die Kontrolle verloren, sich von den Gefühlen übermannen lassen. Das gilt tendenziell als unsexy. Sohnemann wiederum ist das ziemlich schnurz. Er wütet, was die Wut hergibt, lässt sich weder durch Worte, noch durch Taten besänftigen. Was tun, sprach Zeus?

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich weiß es auch noch nicht. Manchmal frage ich Mika, warum er so wütend ist. Zuweilen unterbricht er dann seine Tirade und sagt – vermutlich vollkommen der Wahrheit entsprechend: „Ich weiß auch nicht“. Gelegentlich ist es dann gut, häufig genug wird aber auch weiter gewütet. Er will dann meist auch niemanden in seiner Nähe haben. Ich versuche, das bestmöglich zu respektieren. Das ist zuhause natürlich leichter, als wenn man in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Am Ende des Tages kann man eigentlich nur warten, bis der Sturm sich gelegt hat.

An dieser Stelle kann man in der freien Wildbahn denn auch ganz klar die (jungen) Eltern von den Menschen ohne eigenen Nachwuchs unterscheiden. Letztere gucken des Öfteren genervt, scheinen zu sagen: „Nun krieg doch endlich mal dein Kind in den Griff!“ Die Eltern lächeln meist nur milde und ein wenig konspirativ. „Das hatten wir heute auch schon dreimal“, steht dann in ihren Blicken geschrieben…

Møbelhaus-Phøbie: Ein Nachmittag in der Hølle

Mika_TuermchenIch hasse Möbelhäuser. Ich hasse sie. Abgrundtief. Und wähle diese Worte bewusst. Habe sie schon gehasst, bevor ich Vater wurde. Kann nicht verstehen, wie man seinen Samstag freiwillig an solchen Orten des Grauens verbringen kann. Keine Fenster, es riecht abscheulich und man muss komplett durchgehen, wenn man erst mal drin ist. Sie nehmen einem Licht. Entscheidungsfreiraum. Und vor der Kasse kommt noch die Demütigung mit dem ganzen Tüddelkram, den keiner braucht.

Um dieses Ambiente zu goutieren, bin ich vielleicht doch zu sehr Mann. Zum Glück haben meine Frau und ich da eine klare Trennung. Es gibt gewissermaßen Ressorts, bei denen der/die andere nichts zu melden hat – wie in einem Unternehmen. Von daher komme ich nur äußerst selten in die Verlegenheit, überhaupt ein Möbelhaus betreten zu müssen.

Doch an einem Wochenende im Frühsommer 2015 hatte mich wohl meine Willenskraft verlassen. Meine Frau fragte mich, ob ich nicht mit dem Sohnemann und ihr mitkommen wolle zu dieser Møbelkette mit den vier Buchstaben. Sie wissen schon. Warum ich bei der Frage nicht einfach schreiend davon gerannt bin, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Seit diesem Nachmittag habe ich einen weiteren triftigen Grund für meine Møbelhaus-Phøbie.

Auf einmal war er weg. Einen Moment nicht hingeschaut. Und er war weg. Zweieinhalb ist ein Alter, in dem die Mobilität schier unendlich groß wird, während der Verstand noch winzig ist, wie eine Arbeitskollegin es mal ausgedrückt hat. Wollte ich mein Kind absichtlich verlieren, so würde ich vermutlich ein Möbelmarkt als Ort auswählen, es bietet einfach ideale Bedingungen: Sie sind riesig, verwinkelt, und mit allerlei hohem Zeugs vollgestellt. Beste Voraussetzungen also, um die Orientierung zu verlieren.

Wir durchsuchten panisch die Abteilung, öffneten jeden Schrank und jede Kiste, riefen seinen Namen, brüllten uns gegenseitig an, weil ja der andere nicht aufgepasst hatte. Aber er blieb verschwunden. Schlagartig durchzuckte mich ein Gedanke: Was, wenn er sich nicht verlaufen hätte, sondern entführt worden wäre? Was, wenn ihn jetzt gerade jemand schreiend in sein Auto lüde*, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden?

Während ich noch meiner Frau zurief, dass sie Sohnemann über die Lautsprecheranlage ausrufen lassen sollte, stürmte ich los und rannte Richtung Ausgang, wobei das Verb an einem Samstagnachmittag eher „rammte“ heißen sollte. Zwei komplette Abteilungen weiter – wie er das in den wenigen Sekunden geschafft hat, verstehe ich bis heute nicht – fand ich ihn.

Er stand einfach da. Wunderschön. Schaute ein wenig verlegen, still, zwei Finger im Mund. Hatte wohl auch gemerkt, dass etwas nicht OK ist, weil weder Mama noch Papa zu sehen waren. Ich ging vor ihm auf die Knie, umarmte ihn so fest es seine fragile Statur erlaubt und ging zurück zu meiner Frau. Sie weinte länger, bei mir machte sich schnell die Erleichterung bemerkbar. Ich weinte später.

Wir haben uns am Tag geschworen, dass das nie wieder passieren solle. Aber das ist Quatsch. Es kann jederzeit wieder passieren, ob mit oder ohne Möbelhaus. So ist das Leben…


*Das Erwachsene mit schreienden, strampelnden Kleinkindern unter dem Arm ein Geschäft verlassen, ist etwas völlig alltägliches. In 99,9999999% der Fälle sind es die eigenen Eltern. Deswegen würde es im schlimmsten Fall auch kaum auffallen.

Von Freuden und Tränen

Freuden_TraenenIch habe ein bisschen nah am Wasser gebaut für einen echten deutschen Mann, heule oft und gehe dafür auch nicht in den Keller. Anlässe gibt es ja genug, meistens Filme oder Musik. Gerade habe ich „Honig im Kopf“ gesehen, da musste ich weinen am Ende, als der von Dieter Hallervorden gespielte Opa Amandus an Alzheimer stirbt. Meistes kommen mir jedoch in den schönen Momenten die Tränen, zum Beispiel beim Kanon in D-Dur von Johann Pachelbel – aber höchstens jedes dritte Mal.

Seit ich Vater bin, weine ich noch mehr. Es gibt so viele Momente, die ans Herz gehen, sehr unmittelbar und stärker als vieles, was ich zuvor kannte. Das erste Mal erwischte es mich in einem völlig unpassenden Moment auf der Arbeit. Ich saß – gottseidank allein – in meinem Büro, als meine Frau mir via WhatsApp ein Ultraschallbild schickte, so etwa in der 13. Woche. Auf früheren Bildern ist ehrlich gesagt nicht so viel zu erkennen. Ich habe als Junge ab und an in einem nahe gelegenen Weiher Kaulquappen gefangen. Das geht exakt in die gleiche Richtung. Nach ein paar Wochen hat es dann was von einem Gummibärchen, nachdem es ein paar Tage in Wasser eingelegt war. Doch nun war es klar erkennbar: mein Kind.

Es sah aus, wie das, was Fox Mulder in den X-Akten in etwa jeder siebten Folge bei ganz viel Cryo-Nebel und Gegenlicht für etwa zwei Sekunden durch einen Türspalt erblicken konnte: Ein süßes kleines Alien-Baby. In dem Moment überkam es mich. Ich weinte und weinte und weinte. Betete, dass nicht ausgerechnet jetzt jemand die Tür öffnen würde, um meinen Nimbus als smarte Nachwuchsführungskraft für immer zu zerstören. Irgendwann versiegte der Strom und ich antworte meiner Frau, so wie man es tut, wenn man gerade Matsche im Hirn hat. Vermutlich war es das Daumen-Hoch-Icon. Und ein Herz.

Ein anderes Mal, etwa um dieselbe Zeit erwischte es mich spät abends, als meine Frau und ich zu Bett gingen. Ein paar Tage zuvor hatte ich aus einem Impuls heraus ein Stofftier erstanden, so ein Schnüffeltier, bei dem der Kopf halbwegs massiv ist, während der Körper praktisch nur aus dünnem Stoff besteht. Es war ein Bärchen und wir hatten ihn Gomez Pommes getauft, weil Mario Gómez in den Monaten zuvor bei der Fußball-Europameisterschaft 2012 so viele schöne Tore gemacht hatte. Wo die Pommes herkamen, weiß ich heute nicht mehr, aber ich erinnere mich, dass meine Frau in der Schwangerschaft phasenweise süchtig nach Kohlenhydraten war. So muss es gewesen sein.

Auf jeden Fall legte sie Gomez an jenem Abend spontan zwischen uns auf das Kopfkissen. Und auf einmal schossen mir wieder Sturzbäche an Tränen aus den Augen. In dem Moment hatte ich wohl zum ersten Mal verinnerlicht, dass einige Monate später ein echtes Würmchen zwischen uns liegen würde. Ich erinnere mich, dass meine Frau mich – auf sehr liebevolle Weise – ein wenig ausgelacht hat. Dann haben wir gekuschelt.

Once upon a Time: Auf Oxytocin-Entzug in New York

Mika_Nico_GeburtstagDarauf war ich nicht vorbereitet. Wirklich nicht.

Meine Frau und ich hatten eine Menge Bücher gelesen während der Schwangerschaft, außerdem zig Newsletter abonniert. Es gibt da ein paar ganz interessante Geschichten, die einem immer wochengenau sagen, was gerade im Bauch passiert (oder nach der Geburt: in Babys Gehirn, oder Darm, oder…oder…oder…). Von daher fühlte ich mich eigentlich immer gut vorbereitet auf alles, was so kam.

Was mir aber keiner gesagt hat – und ich weiß bis heute nicht, ob das bei allen frischen Papas so ist oder nicht: Es kann verdammt wehtun, von seinem Kind getrennt zu sein (und ich meine: verdammt-verdammt). Ich empfand in den ersten eineinhalb Jahren häufig eine Art physischen Schmerz, wenn ich Sohnemann zu lange nicht sehen konnte. So ähnlich, wie wenn man ganz frisch verliebt ist und nicht beim Partner sein kann. Von daher gehe ich davon aus, dass der Vorgang eine hormonelle Grundlage hat.

Am heftigsten erwischte es mich, als Mika knapp ein Jahr alt war. Ich war beruflich für einige Tage in New York. Neben der Arbeit hatten wir genug Zeit für ein attraktives Freizeitprogramm. Wir machten eine Rundfahrt um die Freiheitsstatue, gingen lecker Pizza essen, sahen uns ein Musical auf dem Broadway an und ließen den letzten Abend in der Rooftop-Bar des Empire Hotels ausklingen. High Life sozusagen.

Und dann erwischte es mich.

Ich war in New York und sollte eigentlich „The Time of my Life“ haben. Stattdessen testete ich die Saugfähigkeit meiner King-Size-Matratze.

Ich verabschiedete mich frühzeitig von meinen Begleitern, sagte, dass es mir nicht so gut ginge und verschwand auf mein Hotelzimmer. Dort legte mich aufs Bett und heulte. Etwa 20 Minuten lang, scheinbar ohne Grund. Rotz und Wasser, ganze Sturzbäche. Ich war in New York und sollte eigentlich „The Time of my Life“ haben. Stattdessen testete ich die Saugfähigkeit meiner King-Size-Matratze.

Vielleicht hatte das Musical etwas angestoßen. Wir hatten Once gesehen – eine Geschichte, in der zwei Liebende nicht zueinander finden. Kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Auf jeden Fall war es heftig.

Seitdem achtete ich darauf, nach Möglichkeit nicht länger als 48 Stunden am Stück weg zu sein, das ist irgendwie die magische Grenze. Somit ist es nicht mehr vorgekommen, vielleicht auch, weil der Trennungsschmerz nicht mehr so ausgeprägt ist, seit Mika etwas älter ist. Aber, in Ermangelung eines besseren Begriffes: Das war schon krass. Liebe Hormone…