Once upon a Time: Auf Oxytocin-Entzug in New York

Mika_Nico_GeburtstagDarauf war ich nicht vorbereitet. Wirklich nicht.

Meine Frau und ich hatten eine Menge Bücher gelesen während der Schwangerschaft, außerdem zig Newsletter abonniert. Es gibt da ein paar ganz interessante Geschichten, die einem immer wochengenau sagen, was gerade im Bauch passiert (oder nach der Geburt: in Babys Gehirn, oder Darm, oder…oder…oder…). Von daher fühlte ich mich eigentlich immer gut vorbereitet auf alles, was so kam.

Was mir aber keiner gesagt hat – und ich weiß bis heute nicht, ob das bei allen frischen Papas so ist oder nicht: Es kann verdammt wehtun, von seinem Kind getrennt zu sein (und ich meine: verdammt-verdammt). Ich empfand in den ersten eineinhalb Jahren häufig eine Art physischen Schmerz, wenn ich Sohnemann zu lange nicht sehen konnte. So ähnlich, wie wenn man ganz frisch verliebt ist und nicht beim Partner sein kann. Von daher gehe ich davon aus, dass der Vorgang eine hormonelle Grundlage hat.

Am heftigsten erwischte es mich, als Mika knapp ein Jahr alt war. Ich war beruflich für einige Tage in New York. Neben der Arbeit hatten wir genug Zeit für ein attraktives Freizeitprogramm. Wir machten eine Rundfahrt um die Freiheitsstatue, gingen lecker Pizza essen, sahen uns ein Musical auf dem Broadway an und ließen den letzten Abend in der Rooftop-Bar des Empire Hotels ausklingen. High Life sozusagen.

Und dann erwischte es mich.

Ich war in New York und sollte eigentlich „The Time of my Life“ haben. Stattdessen testete ich die Saugfähigkeit meiner King-Size-Matratze.

Ich verabschiedete mich frühzeitig von meinen Begleitern, sagte, dass es mir nicht so gut ginge und verschwand auf mein Hotelzimmer. Dort legte mich aufs Bett und heulte. Etwa 20 Minuten lang, scheinbar ohne Grund. Rotz und Wasser, ganze Sturzbäche. Ich war in New York und sollte eigentlich „The Time of my Life“ haben. Stattdessen testete ich die Saugfähigkeit meiner King-Size-Matratze.

Vielleicht hatte das Musical etwas angestoßen. Wir hatten Once gesehen – eine Geschichte, in der zwei Liebende nicht zueinander finden. Kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Auf jeden Fall war es heftig.

Seitdem achtete ich darauf, nach Möglichkeit nicht länger als 48 Stunden am Stück weg zu sein, das ist irgendwie die magische Grenze. Somit ist es nicht mehr vorgekommen, vielleicht auch, weil der Trennungsschmerz nicht mehr so ausgeprägt ist, seit Mika etwas älter ist. Aber, in Ermangelung eines besseren Begriffes: Das war schon krass. Liebe Hormone…

Dafür kommen wir in die Hölle…vermutlich

Mika_NutellaIch esse gerne Nutella, meine Frau ebenso. Dabei wissen wir natürlich, dass es nicht eben das gesündeste aller Lebensmittel ist. Von daher hatten wir früh folgenden Kompromiss geschlossen:

Wir essen es nur am Wochenende, wenn wir sowieso gemütlich zum Frühstück beieinander sitzen. Allerdings wollten wir ums Verrecken nicht, dass Sohnemann zu früh mit dem Zeug anfängt. Die Befürchtung war zu groß, dass er dann gar nichts anderes mehr essen wollen würde – das Suchtpotenzial ist bekanntlich gewaltig. Kleine Kinder haben allerdings die Angewohnheit, immer genau das zu wollen, was ihre Eltern gerade haben. Was tun, sprach Zeus?

Die Antwort: Wir belogen unseren Sohn. Früh hatten wir gelernt, dass er besonders scharfes Essen (noch) nicht leiden kann. Nachdem er also das erste Mal gefragt hatte, was denn das dunkle Zeug auf Papas Bagel sei, haben wir beschlossen, ihm zu erzählen, dass Nutella ein besonders scharfer Brotaufstrich sei.

Mehr als drei Jahre hat er uns das abgenommen und wollte es nicht ein einziges Mal probieren. Ich fürchtete mich allerdings immer vor dem Tag, an dem er all seinen Mut zusammennehmen und todesmutig doch von dem Schokozeug kosten würde. Oder wenn er das erste Mal bei einem Freund übernachten würde und wir gar nicht kontrollieren könnten, was auf seinem Tellerchen landet.

Etwas besser ging es mir mit dem Gedanken, dass wir unsere Kinder sowieso die ganze Zeit anflunkern. Nachmittags an Heiligabend bin ich mit Mika übers Land gefahren, um Ausschau nach dem Christkind zu halten. Weil Autofahren seit dem Ende des zweiten Lebensjahres die einzige Methode ist, ihn tagsüber zum Schlafen zu kriegen. Und abends haben wir natürlich die volle Nummer durchgezogen, obwohl keiner von uns besonders gläubig ist: Glöckchen läuten, Christkind rufen, Weihnachtslieder singen, die ganze schöne Litanei.

Irgendwann wird er natürlich verstehen, dass wir ihm etwas vorgemacht haben. Und er wird uns verzeihen, wie alle Kinder. Aber die Geschichte mit dem Nutella, die wird er uns vermutlich ewig nachtragen.

Nachtrag:

Schon kurz, nachdem ich den ursprünglichen Text schrieb, sind wir enttarnt wurden.  Sohnemann war drei Jahre und zwei Monate alt. Morgens saßen wir am Frühstückstisch und ich aß wie jeden Samstag meinen Nutella-Bagel. Auf einmal schaute er ganz aufgeregt zum Nutella-Glas und sagte:

„Ey Papa, das habe ich schon mal gesehen. Bei dem Crêpe-Stand auf dem Weihnachtsmarkt.“
Meine Frau und ich schauten uns an und kicherten verschämt.
Er: „Da ist Schokolade drin.“

Schlaues Kerlchen. Er wollte aber trotzdem noch nicht probieren. Hat noch zwei Wochen gedauert…

Der frühe Vogel ist ein Arschgesicht

Wenn man Single ist, oder kinderlos, und außerdem nicht Marktbeschicker ist, dann kann man am Wochenende in der Regel ausschlafen. Wenn man ein Sohn hat, der so zwei Jahre und ein bisschen alt ist, kann es sein, dass er sonntags um kurz vor halb sieben am Bett steht, die warme Bettdecke wegzieht und folgendes von sich gibt:

„Papa wach? Mika müde alle. Autehn. Hopp!“

Sehr, sehr unlustig. Wenn´s nicht so lustig wäre. Ende der Geschichte.

Nico_Mika_Kuscheln_Bett

Wenn man sich von innen und auswendig kennt

Nico_Mika_GeburtBei einem Kaiserschnitt sitzt man(n) im Operationssaal hinter einem großen grünen Tuch. Der Kopf der Frau guckt raus, als weitere bleibt dem Blick verborgen. Auf der anderen Seite wuselt eine gute Handvoll Menschen vergleichsweise hektisch herum, je nach Krankenkasse Chefärzte, Oberärzte, Ärzte, Assistenzärzte, angehende Ärzte und natürlich die Hebamme sowie einige OP-Schwestern. So war das auch bei uns.

Wenn das Baby dann aus dem Bauch geholt wird, darf man als Mann offenbar aufstehen. Hier kommen nun die Faktoren Timing und Körpergröße ins Spiel. Ist man etwas zu groß (so dass man über die grüne Absperrung schauen kann) und etwas zu früh dran (so dass die Bauchdecke noch geöffnet ist), hat man das unerwartete Vergnügen, seine Frau von innen zu sehen – ein nicht ganz alltäglicher Anblick, sofern man nicht gerade Chirurg ist.

Da man in so einem Moment voller Adrenalin ist, kann ich für die Echtheit meiner Erinnerungen nicht garantieren, aber ich habe mal eine Fernsehdoku gesehen, in welcher gezeigt wurde, wie Gyrosspieße hergestellt werden. In meinem Gehirn sind sich beide Eindrücke ziemlich deckungsgleich abgespeichert.

Ziemlich simultan zu seinem ersten Frischluftatemzug produzierte mein Sohn, gemäß seiner extrovertierten Natur, auch gleich den ersten Frischluftstuhlgang. Derart drückte er sein später gemessenes Geburtsgewicht unter die Vier-Kilo-Marke. Das Geschoss wurde dankenswerterweise noch im Flug von einem der fleißigen Helferlein abgefangen, bevor es dort einschlagen konnte, wo er die letzten neun Monate gewohnt hatte.

Im nächsten Schritt muss die Frau ja wieder zusammengeflickt werden, was für den Vater den Vorteil bietet, die ersten Lebensminuten des Kindes ganz für sich zu haben. Ich ging also mit unserer Hebamme und dem bereits abgenabelten Sohnemann in den Kreißsaal nebenan. Wir säuberten und wogen ihn gemeinsam. Anschließend durfte ich für ein gefaktes Foto nochmal jenen Rest Nabelschnur durchtrennen, welches das OP-Team geistesgegenwärtig am Körper belassen hatte. Und dann lag er da – so wunderschön.

Wat nu? In einer solchen Ausnahmesituation ist es super-hilfreich, wenn man jemanden dabei hat, der sich auskennt. Unsere Hebamme war eine – in jeder Himmelsrichtung – große Frau. Außerdem strahlte sich eine gewisse Dominanz aus, was angesichts der Lage schwer hilfreich war. Die folgenden Sekunden sind in meinem Gedächtnis verewigt, wie jene Szene aus dem ersten Teil von Herr der Ringe, in der Bilbo Beutlin den Ring nicht an Gandalf rausrücken will. Die Hebamme ist also auf einmal vier Meter hoch, füllt den ganzen Raum aus und ruft unter Begleitung von Donnergrollen:

„DUUUUUUUUUU!“
„Ja?!
„ZIEH DEIN T-SHIRT AUS!“
Ich ziehe mein T-Shirt aus.
„LEG DICH IN DEN SESSEL DA!“
Ich lege mich in einen abgeschrägten Stillsessel.

Dann nahm die Hebamme meinen Sohn, legt ihn mir vorsichtig auf die Brust, anschließend eine warme Decke über uns beide und sagte: „Einfach liegenbleiben. Nichts tun, nur atmen…“ Schließlich ging sie wieder in den OP, um sich meiner Frau zu widmen.

Ich weiß nicht, ob wir dann fünf Minuten, fünf Stunden, oder fünf Tage so dort lagen, aber ich weiß jetzt, wie sich Unvergänglichkeit anfühlt.